6, 2012
 
Wunderkammer    
 

versione italiana

Kurt Flasch

Mein Weg zu Dante



Autorità! Signore e Signori! Cari Amici!
Vor allem anderen möchte ich allen Beteiligten sehr herzlich danken für diese ehrenvolle und gänzlich unerwartete Auszeichnung. Sie bezieht sich auf meine Dantearbeit aus zwei verschiedenen Teilen, der Prosa-Übersetzung der Commedia und dem Buch, Einladung, Dante zu lesen. Zu beiden möchte ich einige Bemerkungen machen. Und gegen Ende darf ich wohl ein wenig erzählen von meinem Weg zur «egregia città di Fiorenza, oltre a ogn'altra italica bellissima» (Decameron, i Intr . 8).
I

Die Deutschsprachigen hängen an Dante, zeitweise zu sehr. Zwischen 1763 und 1865 wurde der fünfte Canto des Inferno, die Episode von Francesca da Rimini, mindestens 22 mal ins Deutsche übersetzt; 1907 gab es davon schon 52 Übertragungen; heute mögen es hundert sein, zwar nicht der Gesamtübersetzungen, wohl aber des fünften, am ehesten romantisch verwertbaren Gesangs. Dann fragt man sich doch: Warum opferst du zehn kostbare Jahre deiner knappen Lebenszeit, nur um die große Zahl der Übersetzungen um eine weitere zu vermehren? Darauf hat Dante selbst die Antwort gegeben: Anspielend auf Horaz, Ars poetica , sagt er Par . 26, 137-138: «Was die Sterblichen schätzen, wechselt so rasch wie Blätter am Baum». Sie kennen die Szene: Dante trifft den Stammvater Adam im Paradies und fragt ihn, ob er im Paradies das heutige Hebräisch gesprochen habe. Adam verneint das mit der Begründung:
  ché nullo effetto mai razionabile,
per lo piacere uman che rinovella
seguendo il cielo, sempre fu durabile.
 
Die menschliche Sprache folgt, gerade weil sie ein rationales Produkt ist, dem Wechsel der Vorlieben, und diese hängen ab von großen geschichtlichen Wandlungen, dem Wechsel der Himmelszeichen, von Konstellationen. Sie sind schon auf kurze Frist mächtig, würden aber vor tausend Jahren Verstorbene zurückkehren in ihre Stadt, verstünden sie die Sprache nicht mehr. Sie würden glauben, ein fremdes Volk habe ihre Stadt erobert. Sprachen ändern sich, Klassiker sehen daher in älteren Übersetzungen älter aus als im Original; sollen sie lebendig bleiben, müssen sie ständig neu übersetzt werden. Schließlich haben wir im Deutschen nicht die schlechthin klassische Dante-Übersetzung wie die von Voß für Homer, wie für Shakespeare den Schlegel und Schleiermacher für Platon. Poetische und philosophische Texte haben etwas Unergründliches. Ihr ‚Thema' oder ihr ‚Gegenstand' legt sie nicht eindeutig fest. Daher kann in ihnen jeder Mitdenkende etwas Neues finden. Je öfter, je origineller sie übersetzt werden, um so mehr tritt ihr Reichtum hervor. Jede Übersetzung interpretiert. Der Kontrast zwischen der frühen Sprache Dantes und unsrem späten Deutsch schließt, meine ich, das Gelingen einer Versübersetzung aus. Ich teile auch nicht die Überzeugung einer Reihe früherer deutscher Danteübersetzer, zur Commedia passe nur eine ans mittelalterliche Deutsch angelehnte Sprachform. Der Übersetzer muß seine Freiheit gewinnen im heutigen Deutsch. Die Gegenwartssprache und der Reimverzicht zerstören nicht alles Poetische. Der Umriß der Gestalten, die Poesie der Metaphern, auch die naturkundliche curiositas, Astronomisches und Geographisches betreffend, werden vielleicht sogar deutlicher. Die gedankliche Klarheit und knappe Schärfe Dantes, seine scholastische Schulung und die beabsichtigte politisch-kirchenpolitische Intervention, zeigen sich neu. Es gewinnen die spezifisch episch-poetischen Valeurs des Reisebericht. Ich suche in allem Dante als Dichter, als philosophierenden, theologisierenden, politischen Dichter. Dem kommt zugute, daß heute zwei philologisch-historische Fragen als entschieden gelten: Erstens, der 13. Brief, das Schreiben an Can Grande, dürfte als ganzes authentisch sein in ihm leitet Dante dazu an, die Commedia als philosophisches, als ethisch-politisches Buch zu lesen. Zweitens bestätigte sich die Spätdatierung der Monarchia; ihre aristotelisch-averroistische Theorie des Intellekts stammt vom Verfasser des Paradiso. Dante hat sie nicht, wie man gemeint hat, zugunsten größerer theologischer Korrektheit aufgegeben. Er nutzte als Philosoph der nach-thomistischen Zeit Möglichkeiten, die Albert der Große erschlossen hatte, die in Paris unter Druck standen, aber in Bologna fortlebten, wo Dante sie kennenlernte.
II

Damit komme ich zum zweiten Teil meiner Dantearbeit, zur Interpretation der Commedia. Die umfassende Einführung - sie informiert historisch, poesie- philosophie - und kirchengeschichtlich deutschsprachige Leser. Philosophie, jenseits der Schulen, aber primär an Aristoteles-Averroes orientiert, bildet in der Commedia kein Beiwerk; sie ist kein bloßes Instrumentarium. Nicht als seien Kirchenkritik - das Verlangen nach einer armen Kirche - und theologische Inspiration nebensächlich. Nur ist Dantes Theologie nach deren individueller Eigenart und nach ihren faktischen Aussagen erst zu erforschen, nicht nach einer posthum postulierten, angeblich ‚mittelalterlichen' Einheitstheologie zu bemessen. Wenn Dante Theologe ist, dann ist er als Dichter Theologe, und zwar ein Theologe sui generis , so wie Duns Scotus und Meister Eckhart, seine Zeitgenossen, auch. Jede modern-fideistische Neigung fehlt seiner Theologie. Dantes Gott bleibt in einzelnen Dekreten schmerzhaft unbegreiflich, aber als Weltgrund und Allgegenwart ist er jeder Vernunft faßbar; die philosophische Theologie des Aristoteles und Averroes ist wie die Augustins und Avicennas in seine Theologie eingegangen. Daher strahlt, wie es zu Beginn des Paradiso heißt, die Herrlichkeit Gottes überall auf, hier mehr, dort weniger. In Francesca weniger, in Beatrice mehr. In Ulisse sehen wir den gottebenbildlichen Allbezug geistiger Naturen; in Ugolino etwas von göttlicher Vaterschaft. Dantes Theologie schließt es aus, ‚Theologie' als das Suchen nach Verfehlungen mißzuverstehen. Gottes gloria ist überall, auch im Inferno. Die himmlische Seligkeit vollendet, diesmal gut thomistisch, die menschliche Natur, nimmt deren Maß auf. Ihr unzerstörtes Wesen ist es, alles wissen zu wollen, nicht nur das Lebensdienliche: «Fatti non foste a viver come bruti» (Inf., 26, 119). Soviel zur Richtung meiner Danteerklärung. Um den individuellen Ductus des Denkers Dante bemüht, läßt sie Zeitgenossen Dantes wie Guido Cavalcanti, auch Cecco Angiolieri neu hevortreten mit ihrer anderen Konzeption von Liebe und Frau. Boccaccio bleibt weder wie bei De Sanctis ein antidantesker Moderner noch bildet er wie bei Branca die ‚Ergänzung' zum ‚mittelalterlichen' Dante.
III

Ich fürchte, ich bin dabei, mich in der italienischen Literaturgeschichte zu verlieren. Dabei hatte ich doch versprochen, ein wenig autobiographisch zu plaudern über meine Uralt-Beziehung zu Florenz. Die Stadt war das Ziel meiner ersten Italienreise, 1955. Seitdem kam ich in jedem Jahr mindestens einmal, normalerweise öfter, hierher; 1982/83 wohnte ich für's ganze akademische Jahr in der Nähe des Viale Europa, um bei Eugenio Garin und Cesare Vasoli zu arbeiten, Filologia dantesca bei Francesco Mazzoni zu studieren. Ich habe Pisa kennengelernt, in Modena und Parma gearbeitet, Urbino, Orvieto und Siracusa geliebt, aber Florenz blieb mein Italien-Mittelpunkt. Diese trotz allem unzerstörte Liebe zu Florenz, die heute im Palazzo Vecchio ihren Höhepunkt findet, verdanke ich vorab einer Maus. Buchstäblich dem kleinen Nagetier, lateinisch: mus musculus, Hausmaus, nicht mus sylvaticus, Waldmaus. Das muß ich ein wenig erklären. Ich hatte schon als Kind Lust am Entziffern alter Schriften. In den beiden letzten Kriegsjahren wollte es der Zufall, daß ich einem Bibliothekar und Archivar dabei helfen konnte, mit ihm allein die Bibliothek des Schwagers Goethe und dessen Neffen Fritz Schlosser vor der Vernichtung zu retten. Ich sah alte Bücher in mittelalterliche Handschriftenreste eingebunden, und fing an zu entziffern. Der freundliche Bibliothekar erteilte mir anhand der Pergamentstücke Lektionen in lateinischer Paläographie; er war übrigens ein Verwandter von Stefan George, dem großen deutschen Dichter, der seit 1900/1901 in den Blättern für die Kunst seine Danteübersetzungen druckte. Aber von Dante war 1943/44 nicht die Rede. Nur als ich 1952 nach dramatischen Kriegsjahren das Studium der Philosophie und Geschichte in Frankfurt am Main aufnahm, hielt der Ordinarius für mittelalterliche Geschichte, Paul Kirn, eine Seminarübung in Paläographie über ‚Kaiserurkunden' ab, nur für Fortgeschrittene. Für Kaiserurkunden gibt es photographische Tafelwerke, aber Kirn, vom ersten Weltkrieg her gehbehindert, war zum Frankfurter Stadtarchiv gehumpelt, um beim Direktor, der sein Schüler war, eine besondere Originalurkunde auszuleihen. Wie in historischen Seminaren damals üblich, reichte er die Urkunde dem neben ihm sitzenden Studenten - wir waren acht, höchstens zehn Personen, meist; jeder sollte einen Satz lesen, übersetzen und erklären. Beim vierten Studenten entstand eine peinliche Pause. Eine Maus, mus musculus, hatte in die Kaiserurkunde ein Loch gebissen. Drei, vier Worte fehlten. Wegen dieses Mauselochs war Kirn ins Archiv gegangen; er wollte zeigen, wie reale Mittealterstudien ablaufen. Der Professor hielt mucksmäuschenstill; der von ihm erwartete Effekt war eingetreten. Die Pause dehnte und dehnte sich. Alle guckten nach unten, um nicht aufgerufen zu werden. Die Stille strebte ihrem Höhepunkt zu, da riß die Ungeduld mich hin, und ich sagte: «Ich bin zwar hier der Jüngste und ich weiß es auch nicht, aber da könnten folgende Worte gestanden haben». Ich sagte einen lateinischen Halbsatz. Mein Professor, sichtlich zufrieden, fragte nach meinem Namen; nach dem Seminar lud er mich zum Abendessen ein. Es war ein frugales Mahl; wir strichen uns aufs graue Brot eine Wurstsorte, die es in Italien zum Glück nicht gibt. Aber meine Karriere im historischen Seminar war vorerst gesichert, denn beim Essen erklärte mir der Professor: «Wissen Sie, Studenten, die Latein können, haben wir genug. Studenten, die Phantasie zeigen, haben wir auch genug. Aber ich suche Studenten, die Latein können und Phantasie haben». Drei Jahre später, am Ende eines Seminars über die Prozeßakten der Jeanne d'Arc, fragte er mich nur, ob ich ihm einen Gefallen tun möchte. Ich sagte lebhaft: «Ja!», und er darauf: «Würden Sie mich für fünf Wochen auf meine Reise in die Toscana begleiten?». Wenige Wochen später reisten wir, auf altmodisch-gründliche Art: Erste Übernachtung in Bern, dann drei Tage Stresa mit den borromäischen Inseln, dann vier oder fünf Tage Mailand. Es folgte die Perlenkette der Emilia-Romagna: Piacenza, Parma, Modena, vier Tage Bologna, aber zwölf Tage Florenz. Die Heimfahrt nahmen wir über Mantua und Verona; im nächsten Jahr nahmen wir uns fünf Wochen für Venedig, Ravenna und Rom. Am Abend tranken wir Wein, der damals noch in jeder Stadt eine andere Farbe, aber dieselbe Farbe hatte wie der daneben auf dem Tisch stehende Essig; wir erzählten, was wir so trieben. Er strömte über von Geschichten aus italienischen, aus byzantinischen und englischen Mittelaltertexten. Er machte die Bemerkung, er habe unsere Reise genau wie sein Vater angelegt. Sein Vater Otto Kirn lehrte vor 1900 als bekannter evangelischer Theologe in Basel. Ich stelle mir vor, er habe die Reiseroute mit seinem Kollegen Jacob Burckhardt abgesprochen, und so schmeichle ich mir, die erste große Italienreise nach den Ratschlägen von Burckhardt gemacht zu haben, dessen Kultur der Renaissance in Italien ich mir als Student für eine D-Mark antiquarisch hatte kaufen können. Mein Lehrer kam aus Leipzig, der Stadt mit großer Dante-Tradition. Er kannte viele Passagen der Commedia auswendig und brachte sie bei passenden Gelegenheiten an. Wir schrieben das Jahr 1955, und das erste italienische Buch, das ich gekauft habe, war die Commedia in der damals neuen Ausgabe der Società dantesca. Die Lektüre verlief für mich enttäuschend: Damals stand in vielen Büchern, die beste Vorbereitung für die Dantelektüre sei das Studium des Thomas von Aquino; gerade über ihn hatte ich soeben meine Doktorarbeit geschrieben, aber in der Commedia verstand ich fast nichts. In mir kroch der Verdacht auf, vielleicht sei Dante kein Thomist. Erst nach langen Albertstudien, nach der Bekanntschaft mit Bruno Nardi und nach Hinweisen von Cesare Vasoli begriff ich, was mir passiert war. Anfang der sechziger Jahre fiel mir ein historisches Sammelwerk in die Hände, mit einem deutsch geschriebenen Teil über Die Kultur der Renaissance in Italien. Ich war längst Burckhardtianer, und schnaubte hochnäsig: «Welch ein Zwerg wagt es da, sich neben Jacob Burckhardt aufzustellen?». Ich las trotzdem und danach wußte ich: Ich hatte den Burckhardt des zwanzigsten Jahrhunderts entdeckt: Eugenio Garin, Florenz. Im Herbst 1966 plante ich mit meinen Frankfurter Studenten eine Studienreise nach Florenz; sie galt vor allem den Plotinstudien des Marsilio Ficino. Ich schrieb vorher einen ehrerbietigen Brief an Eugenio Garin, ob wir ihn besuchen dürften. Bekam aber keine Antwort. Wir fuhren dennoch, besuchten Careggi und sahen die griechischen Texte des Ficino in der Laurenziana. Vor allem kämpften wir mit dem unendlichen Regen, der Ende Oktober '66 auf uns herabprasselte. Wir wateten durchnäßt und erkältet durch die Straßen. Um Mitternacht des 3. zum 4. November 1966 fuhren wir nach Frankfurt zurück, ohne das Ausmaß der Katastrophe zu sehen. Zuhause lag der liebenswürdig-einladende Brief von Garin; die Post hatte ihn, wie damals üblich, verbummelt. Seitdem riß der Kontakt nicht mehr ab. Wir tauschten Briefe; ich besuchte ihn regelmäßig; im akademischen Jahr 1982/83 nahm ich teil an seinem Seminar an der Normale zu Pisa; oft machten wir die Fahrt Florenz-Pisa zusammen. Wir sahen uns regelmäßig in der Nationalbibliothek; nicht selten übergab er mir, bevor er nach Hause ging, den Frühdruck, in dem er gearbeitet hatte. Ich verdanke ihm viele Anregungen zur älteren und zur neuesten Philosophie; wenn ich ihn in einer der beiden großen Buchhandlungen traf, die Florenz damals noch besaß, bei Seeber und bei Marzocco, nahm er mich mit an die Regale und zeigte mir, was lesenswert war. Ich schließe meinen Bericht, so unvollständig er ist. Er zeigt nur andeutend, was ich Ihrer Stadt verdanke. Ich kann aber nicht enden, ohne das Wertvollste zu nennen, das ich hier über alle Erudition, Kunst- und Literaturanschauung hinausgefunden habe. Es ist die jahrzehntelange lebendige Freundschaft mit Cesare Vasoli und seiner Frau Nidia. Ich habe hier viele bedeutende Personen kennengelernt und liebgewonnen; ich nenne nur Tullio Gregory und Nicolai Rubinstein, Alberto Tenenti und Charles B. Schmitt, ausgezeichnete Garinschüler Paola Zambelli und Graziella Vescovini, Lina Bolzoni und Luisa Simonutti, Enrico Peruzzi, Michele Ciliberto und Pater Camporeale, Gian Carlo Garfagnini, Paolo Lucentini, und Gianfranco Fioravanti, nicht zuletzt Luca Bianchi. Viele andere zählen, aber die größte Gelehrsamkeit, die feinste Humanität und den toskanischen Witz fand ich bei Cesare Vasoli. 1983 trugen wir die schwere Mappe mit den tausend Seiten seines großen Convivio-Kommentars zur Post. Dieses Fest heute im Palazzo Vecchio ist auch das seine und das seiner Frau.
Haben Sie herzlichen Dank!

K. F.



Anmerkung Der hier publizierte Text wurde von Kurt Flasch am 9. Juni 2012 in Palazzo Vecchio (Salone dei Duecento) vorgetragen, im Rahmen der feierlichen Überreichung der goldenen Medaille der Kommune von Florenz und der Italienischen Dante-Gesellschaft für seine Übersetzung der Göttlichen Komödie ins Deutsche (Frankfurt, Verlagshaus S. Fischer, 2011). Diese Dankrede stellt eine Art von öffentlichem, auktorialen Epitext zu der Übersetzung dar (wie Dante übersetzen , in «Margini», 5, 2011) und zu der Beziehung des Autors zur Stadt Dantes.

M. A. T.